8 Min. Lesezeit Phillip Fickl

Smart Meter Daten in Österreich: Der vollständige Leitfaden

Österreich hat den Smart Meter Rollout weitgehend abgeschlossen. Rund 97 % aller Stromzähler sind inzwischen digitale Messgeräte, die den Verbrauch in 15-Minuten-Intervallen erfassen. Damit verfügt Österreich über eine der höchsten Smart Meter Durchdringungsraten in Europa.

Dieser Leitfaden erklärt, was Smart Meter genau messen, welche Daten verfügbar sind, wie man als Unternehmen darauf zugreifen kann und welche technische Infrastruktur hinter dem Ganzen steckt.

Was Smart Meter messen

Ein Smart Meter — auf Deutsch intelligenter Stromzähler — ersetzt den klassischen Ferraris-Zähler und bietet deutlich mehr als nur einen Zählerstand. Die wichtigsten Messgrößen:

  • Viertelstundenwerte (15-Minuten-Intervalle) — Der Energieverbrauch wird in kWh alle 15 Minuten gemessen. Das ergibt 96 Messwerte pro Tag und Zähler.
  • Bezug und Einspeisung — Smart Meter unterscheiden zwischen Strombezug aus dem Netz und Einspeisung ins Netz (relevant für Photovoltaik-Anlagen).
  • Tageswerte — Aggregierte Tagesverbräuche als Summe der Viertelstundenwerte.
  • Leistungsmaxima — Die höchste gemessene Leistung innerhalb eines Zeitraums.

Die Viertelstundenwerte sind dabei der wertvollste Datensatz. Sie ermöglichen detaillierte Lastprofilanalysen, Verbrauchsmuster-Erkennung und präzise Energieeffizienz-Bewertungen.

Status des Smart Meter Rollouts

Der Rollout intelligenter Stromzähler in Österreich wurde gesetzlich vorgeschrieben und ist weitgehend abgeschlossen:

  • ~97 % Abdeckung — Fast alle Haushaltszähler in Österreich sind Smart Meter (Quelle: E-Control Monitoring 2024).
  • 6,5+ Millionen Zähler — Die installierte Basis umfasst über 6,5 Millionen Geräte.
  • Über 120 Netzbetreiber — Die Zähler werden von über 120 Verteilernetzbetreibern betrieben, von großen Unternehmen wie Wiener Netze bis zu kleinen Stadtwerken.

Standardmäßig werden Stundenwerte übermittelt. Viertelstundenwerte sind bereits heute per Opt-in verfügbar und werden in naher Zukunft ohne gesonderte Zustimmung zum Standard.

Welche Daten sind verfügbar?

Die über das EDA-Netzwerk abrufbaren Smart Meter Daten umfassen:

  • Energiemengen in kWh — Verbrauch und ggf. Einspeisung pro 15-Minuten-Intervall
  • Tägliche Lieferung — Daten des Vortages werden typischerweise am Folgetag bereitgestellt
  • Historische Daten — Je nach Netzbetreiber können historische Daten rückwirkend abgerufen werden, wobei der verfügbare Zeitraum variiert
  • Zählpunkt-Stammdaten — Informationen zum Zählpunkt wie Bezeichnung, Netzgebiet und Netzbetreiber

Die Datenqualität ist grundsätzlich hoch, da die Messung direkt am geeichten Zähler erfolgt. Lücken können entstehen, wenn die Kommunikation zwischen Zähler und Netzbetreiber vorübergehend unterbrochen ist — diese werden in der Regel nachgeliefert.

Zugang als Privatperson

Privatpersonen haben mehrere Möglichkeiten, auf ihre eigenen Smart Meter Daten zuzugreifen:

  • Smart Meter Webportal des Netzbetreibers — Jeder Netzbetreiber bietet ein Online-Portal, in dem Verbraucher ihre eigenen Verbrauchsdaten einsehen und herunterladen können.
  • Kundenschnittstelle am Zähler — Über die Kundenschnittstelle (P1/M-Bus) lassen sich mit einem Adapter und dem persönlichen Schlüssel (GUEK) vom Netzbetreiber aktuelle Werte auslesen.
  • EDA-basierte Dienste — Verbraucher können Drittanbietern per Consent Zugang zu ihren Daten gewähren.

Für den gelegentlichen Blick auf den eigenen Verbrauch reicht das Webportal des Netzbetreibers. Für systematische Auswertungen oder die Integration in andere Systeme braucht es eine automatisierte Lösung.

Zugang für Unternehmen

Unternehmen, die Smart Meter Daten im geschäftlichen Kontext nutzen möchten, stehen vor einer anderen Situation. Der Zugang erfolgt über das EDA-Netzwerk und erfordert:

  1. Registrierung als Marktteilnehmer — Unternehmen müssen sich als Teilnehmer am EDA-Netzwerk registrieren.
  2. Technische Infrastruktur — Eigene Kommunikationsendpunkte müssen betrieben werden, die den EDA-Protokollstandard implementieren.
  3. Consent-Einholung — Für jeden Zähler, dessen Daten abgerufen werden sollen, muss die Einwilligung des Verbrauchers eingeholt werden (CCM-Prozess).
  4. Laufende Wartung — Halbjährliche Protokoll-Updates und die Pflege der Kommunikationsinfrastruktur erfordern kontinuierlichen Aufwand.

Alternativ können Unternehmen einen Managed Service nutzen, der die EDA-Anbindung übernimmt und die Daten über einfachere Schnittstellen bereitstellt — wie eine REST-API, Webhooks oder CSV-Exporte.

Anwendungsfälle

Smart Meter Daten sind die Grundlage für eine Vielzahl von Anwendungen:

Energiemanagement

Unternehmen und Energiedienstleister nutzen Viertelstundenwerte für Lastprofilanalysen, Tarifoptimierung und die Identifikation von Einsparpotenzialen. Mit 96 Datenpunkten pro Tag lassen sich Verbrauchsmuster präzise erkennen.

Gebäudemanagement

Im Gebäudemanagement ermöglichen Smart Meter Daten die automatische Überwachung des Energieverbrauchs über ein Portfolio von Liegenschaften. Abweichungen vom Normalverbrauch werden sofort sichtbar.

Energieberatung

Energieberater können auf Basis realer Verbrauchsdaten fundierte Empfehlungen geben, statt sich auf Schätzungen und Jahresabrechnungen zu verlassen. Die Viertelstundenwerte zeigen genau, wann wie viel Energie verbraucht wird.

Softwareentwicklung

Software-Entwickler können Energiedaten als Baustein in ihre Anwendungen integrieren — etwa für Energiemanagement-Plattformen, Mieter-Apps oder ESG-Reporting-Tools.

Reporting und Compliance

Für Berichtspflichten im Bereich Energieeffizienz und ESG können Smart Meter Daten eine wertvolle Datengrundlage liefern — etwa für Energieaudits, Nachhaltigkeitsberichte oder die Dokumentation von Einsparmaßnahmen.

Die technische Infrastruktur

Hinter dem Smart Meter Datenzugang in Österreich steckt eine mehrschichtige technische Infrastruktur:

  • Smart Meter Geräte — Die physischen Zähler in Gebäuden, die den Verbrauch messen und über PLC (Powerline Communication) oder Mobilfunk an den Netzbetreiber übertragen.
  • Netzbetreiber-Systeme — Jeder der über 120 Netzbetreiber betreibt eigene Mess- und Datenmanagementsysteme.
  • EDA-Kommunikationsplattform — Das Routing der Nachrichten erfolgt über einen zentralen Verteiler (SIA), der auf der Kommunikationssoftware Ponton X/P basiert.
  • Kommunikationsendpunkte — Jeder EDA-Teilnehmer betreibt eigene, verschlüsselte Endpunkte für den Empfang und Versand von Nachrichten.
  • Consent-Management (CCM-Prozess) — Ein standardisierter Prozess zur Verwaltung der Verbraucher-Einwilligungen, der über die Netzbetreiber-Portale abgewickelt wird.

Die Kommunikation erfolgt über branchenspezifische Protokolle (AS4/ebXML mit XML-Schemata) , nicht über Standard-Web-APIs. Das macht den direkten Zugang technisch anspruchsvoll und erfordert spezialisierte Software.

Herausforderungen beim Datenzugang

Trotz der hohen Smart Meter Durchdringung gibt es in der Praxis Herausforderungen:

  • Fragmentierung — Über 120 Netzbetreiber mit unterschiedlichen Systemen, Antwortzeiten und Eigenheiten.
  • Consent-Dauer — Der CCM-Prozess dauert 1–5 Werktage, je nach Netzbetreiber. In Einzelfällen länger.
  • Datenformat — Die Rohdaten kommen in einem spezifischen XML-Format, das für die meisten Anwendungen erst aufbereitet werden muss.
  • Infrastrukturkosten — Der Aufbau und Betrieb eigener EDA-Kommunikationsendpunkte ist kostenintensiv.
  • Regulatorische Änderungen — Halbjährliche EDA-Releases erfordern regelmäßige Anpassungen der eigenen Systeme.

Zusammenfassung

Österreich verfügt über eine der besten Smart Meter Infrastrukturen in Europa. Die Daten sind vorhanden, granular und qualitativ hochwertig. Der Zugang ist jedoch über das regulierte EDA-Netzwerk organisiert und technisch anspruchsvoll.

Für Unternehmen, die Smart Meter Daten in ihre Prozesse oder Produkte integrieren möchten, lohnt sich die Abwägung: Lohnt sich der Aufbau einer eigenen EDA-Anbindung, oder ist ein Managed Service der effizientere Weg? Die Antwort hängt vom Anwendungsfall, der Anzahl der Zähler und den vorhandenen technischen Ressourcen ab.

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